Es war wohl eine der größten Überraschungen auf internationaler Ebene in der zu Ende gehenden Handball-Saison, als die MT Melsungen am letzten Mai-Wochenende in Hamburg beim Final-Four-Turnier der European League den zweithöchsten Wettbewerb unterhalb der Champions League gewann. Immerhin war es nach einer spielerischen und nicht zuletzt taktischen Meisterleistung im Halbfinale gegen Titelverteidiger SG Flensburg-Handewitt (37:30) und einem leidenschaftlichen Kampf im Endspiel gegen den deutschen Rekordmeister THW Kiel (24:23) der erste Titelgewinn überhaupt für den Verein aus der 14.000-Einwohner-Stadt im nordhessischen Schwalm-Eder-Kreis, der seit 2005 ununterbrochen der Bundesliga angehört und seine Heimspiele in Kassel austrägt.
„Das ist die Krönung einer Entwicklung, zu der jeder beigetragen hat, der in den letzten zehn Jahren dort gespielt hat“, sagte der frühere deutsche und heutige kroatische Nationaltrainer Dagur Sigurdsson als Experte beim Streaming-Sender Dyn. Folglich dürfen sich auch zwei Bayreuther über ihren Anteil am Erfolg freuen: Die aus dem Nachwuchs des HaSpo-Stammvereins BTS hervorgegangenen und heute 41 Jahre alten Zwillinge Michael und Philipp Müller haben schließlich von 2013 bis 2019 einen großen und wesentlichen Teil ihrer 2006 begonnenen langjährigen Bundesliga-Laufbahn als gefeierte Leistungsträger bei der MT Melsungen verbracht. Doch wie viel Verbundenheit bleibt im schnelllebigen Profi-Geschäft von solchen Erinnerungen?
„Ich würde mich nicht unbedingt als fanatischen Anhänger der MT bezeichnen“, sagt Michael Müller, der für Melsungen 190 seiner insgesamt 450 Bundesligaspieler absolviert hat (davor TV Großwallstadt, Rhein-Neckar Löwen und HSG Wetzlar, danach noch Füchse Berlin), dabei 567 seiner 1169 Tore erzielte und in vier der sechs Jahre als Mannschaftskapitän amtierte. Aber die Endrunde der European League zu verfolgen, war nun doch Pflichtprogramm für den 78-fachen Nationalspieler (142 Tore), zumal ihm aus familiären Gründen ein Gegner der MT sogar noch ein wenig enger steht: Müllers Frau Kaja ist die Tochter des Flensburger SG-Präsidenten Dierk Schmäschke, und beide leben mit den zwei gemeinsamen Kindern auch in der Stadt an der Grenze zu Dänemark. „Von den aktuellen Spielern kenne ich bei der SG persönlich sogar mehr als bei der MT. Für die hätte ich mich also auch gefreut.“
Den besonderen Stellenwert des Erfolgs für seinen Ex-Verein übersieht Müller aber natürlich nicht: „Das war schon ein langer Weg bis dahin. Angefangen hat es damals mit Schorle, der einiges umgekrempelt hat.“ „Schorle“ ist Trainer Michael Roth, der den Müller-Zwillingen schon den Start ihrer Profi-Laufbahn beim TV Großwallstadt ermöglicht hatte und sie dann auch 2013 zur MT Melsungen holte. Unter seiner Regie (und nicht zuletzt auch unter dem Einfluss der beiden Bayreuther) wandelte sich eine Gruppe austauschbar wirkender Söldner zu einer Mannschaft mit klarer Identität, die schon bald den Vergleich mit der Elite nicht mehr scheuen musste. Schon 2014 gelang der Einzug ins Final-Four-Turnier um den DHB-Pokal und die Qualifikation für den zweithöchsten europäischen Wettbewerb (damals EHF-Pokal), wo dann im Viertelfinale bei Torgleichheit mit den Dänen aus Skjern lediglich die weniger erzielten Auswärtstore den Sprung unter die besten Vier verhinderten. Seither gehört Melsungen beständig zum oberen Drittel der Bundesliga.
Bis zum ersten Titelgewinn ist aber trotzdem noch mehr als ein Jahrzehnt vergangen. „In der Liga hatte man immer einen etwas krummen Blick auf die MT, weil da so viel Geld rein gepumpt wurde“, sagt Müller. Dass sich letztlich nun doch der ganz große Erfolg eingestellt hat, freut den Bayreuther vor allem für Barbara Braun-Lüdicke, die mit ihrem Unternehmen die verlässliche finanzielle Basis garantiert hat: „Für sie ist es eine Belohnung nach so langem persönlichen Engagement.“
Mit so vielen personellen Veränderungen sollte der Erfolg in Melsungen erzwungen werden, dass es für die Bayreuther Zwillinge im aktuellen Kader kaum noch persönliche Berührungspunkte gibt. Anhaltenden Kontakt pflegt Michael Müller hauptsächlich zu zwei Mitspielern, die heute außerhalb des Spielfelds agieren. Neben Torwarttrainer Carsten Lichtlein, der bei Turnieren der Nationalmannschaft oft sein Zimmergenosse war, gilt das vor allem für Michael Allendorf, der nach zwölf aktiven Jahren bei der MT als Sportdirektor und zuletzt „Vorstand Bundesliga“ bis zur überraschenden Trennung im Oktober 2025 maßgeblich zur weiteren Entwicklung beigetragen hat: „Der Erfolg freut mich auch für ihn, denn er hat diese Mannschaft mit Trainer Roberto Parrondo zusammengestellt.“
Gemeinsam auf dem Feld stand Müller lediglich mit zwei der heutigen Titelgewinner in der European League. Der eine ist das damals noch sehr junge Eigengewächs Dimitri Ignatow, aber der andere ist eine der Schlüsselfiguren auf dem Weg zum Höhepunkt der Vereinsgeschichte: Torhüter Nebosja Simic, der nach überstandenem Kreuzbandriss in dieser Saison stärker denn je zurückgekehrt ist und beim Titelgewinn unangefochten zum wertvollsten Spieler (MVP) des Turniers gewählt wurde. „Seine Art der Selbstdarstellung war nicht immer ganz mein Ding“, sagt Müller über den Montenegriner, der seine Paraden gerne ausgiebig mit den Zuschauern feiert. „Der weiß schon, wie er die Fernsehkameras auf sich zieht. Aber seine Emotionen gefallen mir schon. Er ist auf jeden Fall eine besondere Marke, und solche Typen gibt es leider immer weniger.“