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  • Als Tourist zur Landesmeisterschaft

    31.01.2015

    Dominik Hauenstein von Haspo Bayreuth gewinnt den Titel im Handball-Entwicklungsland Australien

    Von Eberhard Spaeth

    Man stelle sich einen Kricket-Spieler aus einer etwas abgelegen Stadt in England vor, sagen wir: Morpeth. Er spielt in der dort überaus populären Sportart für eine Mannschaft, die zu den besten in der Grafschaft Northumberland gehört. Auf einer Rundreise durch Deutschland kommt er zufällig beim Havelländischen Cricket Club Werder e. V. vorbei (den gibt es wirklich) und gewinnt mit ihm als dessen Gastspieler die Deutsche Meisterschaft. So ungefähr kann man den außergewöhnlichen Erfolg von Dominik Hauenstein einordnen: Der Bayreuther ist australischer Handball-Meister.

    Im vergangenen Juni hatte sich der 26-Jährige auf den Weg gemacht, um ein halbes Jahr auf dem fünften Kontinent zu verbringen. Seine Erfahrung als Bayernliga-Spieler bei Haspo Bayreuth spielte bei diesem Plan nur am Rande eine Rolle als mögliche Option für die Finanzierung des Lebensunterhalts im Handball-Entwicklungsland am anderen Ende der Welt. „Ich habe im Internet gesucht, wo überhaupt Handball gespielt wird, und das war gar nicht so einfach“, berichtet Hauenstein. „Der nächste Verein war 1000 Kilometer weg in Brisbane. Aber das lag immerhin auf meiner Reiseroute, denn ich wollte an der Ostküste entlang.“ Zufällig wurde dort auch gerade jemand gesucht als Trainer für ein Kinder-Camp: „Es hieß, da gibt es sogar Geld dafür!“

    Bei dieser Gelegenheit machte der Linkshänder aus dem Mutterland des Handballs dann überraschend schnell Karriere, obwohl er verletzungsbedingt praktisch ohne Trainings- oder gar Spielpraxis angereist war: „Ich habe da mal mittrainiert und wurde gleich in das Aufgebot von Queensland für die nationale Meisterschaft aufgenommen.“ Dabei muss man wissen, dass der australische Meister nicht in einem herkömmlichen Liga-Spielbetrieb ermittelt wird. „Dafür ist das Land einfach zu groß und die Anzahl der Spieler einfach zu klein“, erklärt Hauenstein. Statt dessen treffen sich die Auswahlteams der sieben Bundesstaaten einmal im Jahr zu einem dreitägigen Turnier, und zum Glück für den Touristen aus dem fernen Europa hatte „seine“ Mannschaft diesmal im vergangenen Oktober den Heimvorteil. Der Gastgeber stand schließlich im Finale gegen Victoria und entthronte dabei den Titelverteidiger.

    Dominik Hauenstein hatte an diesem Erfolg ganz wesentlichen Anteil: „Ich habe fast immer durchgespielt, und zwischen sieben und zehn Toren pro Spiel werden es wohl schon gewesen sein“, schildert er seinen Beitrag – ohne damit prahlen zu wollen: „Die besten Mannschaften bewegen sich vielleicht auf gutem Landesliga-Niveau“, antwortet er auf die Frage nach der spielerischen Qualität. „Dabei hatte ich sogar australische Nationalspieler im Team. Bei einem habe ich einige Wochen lang gewohnt.“ Im dünner besiedelten Westen des Kontinents könne man da nicht mithalten: „Da spielen eher ein paar eingewanderte Handball-Veteranen, die sich einmal pro Woche zum Training treffen.“ Deswegen will er den Titel auch nicht zu hoch bewerten: „Die Meisterschaft in der Bayernliga hätte einen höheren Stellenwert.“

    Das bedeute aber keineswegs, dass es den Australiern an Ernsthaftigkeit fehlt: „Alle sind mit sehr viel Leidenschaft für Handball dabei.“ Dieser Eindruck bestätigte sich auch bei diversen Schulprojekten: „Ich habe Handball-Stunden für alle Altersklassen gehalten, von der Vorschule bis zu den 16-Jährigen“, erzählt Hauenstein. „Die meisten hatten noch nie von Handball gehört, aber alle hatten viel Spaß.“ Der Ruf als Entwicklungshelfer brachte dem Bayreuther sogar einen inoffiziellen Posten auf hoher Verbandsebene: „Der U-19-Nationaltrainer hat mich gefragt, ob ich ihm bei der Zusammenstellung seines Teams helfen könne“, sagt er und lacht. „Als Handballer aus Deutschland gilt man eben automatisch als Experte.“

    Mit dem Ruhm war es aber schnell wieder vorbei, als Hauenstein den letzten Monat seiner Reise in einem kleinen Dorf mit Halbtagsarbeit für Kost und Logis auf einer „Wwoofing“-Farm verbrachte („Wwoof“ für „weltweite Möglichkeiten auf Biobauernhöfen“): „Da konnte niemand irgendetwas mit Handball anfangen.“ Entsprechend geerdet formuliert der australische Meister seine nächsten sportlichen Ziele nach der Rückkehr zu Haspo: „Ich will so schnell wie möglich wieder in der ersten Mannschaft spielen. Aber ohne Saisonvorbereitung wird das schwer.“

    Nordbayerischer Kurier vom Samstag, 31. Januar 2015, Seite 40 (1 View)