• Damen
  • Herren
  • Jugend
  • Shop
  • Termine

    Michael und Philipp Müller mit ihren ersten gemeinsamen Länderspielen „im Großen und Ganzen zufrieden“

    23.09.2014

    „Bassd scho“ auf Hochdeutsch.

    „Im Großen und Ganzen zufrieden.“ Mit der hochdeutschen Version des typisch oberfränkischen „bassd scho“ fassten Michael und Philipp Müller ihre Bilanz zusammen, nachdem sie bei Länderspielen gegen die Schweiz in Göppingen (32:26) und Ulm (28:28) erstmals gemeinsam im Nationalteam gespielt hatten.

    Wie ausführlich berichtet, bekamen die gerade 30 Jahre alt gewordenen Bayreuther Zwillingsbrüder vom Bundesligisten MT Melsungen reichlich Einsatzzeiten in den ersten Spielen unter der Regie des neuen Bundestrainers Dagur Sigurdsson. Michael Müller war zwei Jahre nach seinem 55. und bisher letzten Länderspiel im rechten Rückraum sogar weitgehend auf sich allein gestellt, nachdem Steffen Weinhold (Flensburg) und Fabian Wiede (Berlin) verletzt ausgefallen waren. Der Linkshänder erzielte in beiden Spielen zusammen sieben Treffer und erhöhte die Zahl seiner Länderspieltore damit auf 127. Sein Bruder Philipp trug erstmals das Nationaltrikot und kam als Abwehrspezialist zum Einsatz.


    Michael Müller sieht für sich wieder eine Rolle:
    „An dritter Stelle“

    Nach fast zwei Jahren ohne Kontakt zum Bundestrainer war Michael Müller selbst ein wenig überrascht und zunächst sogar etwas skeptisch, als ihn der Nachfolger von Martin Heuberger gleich für das erste Aufgebot nach dem Amtsantritt nominiert hatte. Die ersten Erfahrungen mit Dagur Sigurdsson beim einwöchigen Lehrgang in Heilbronn bewertet er nun aber rundum positiv: „Wie er mit den Leuten spricht und wie er das Training gestaltet, das hat alles Hand und Fuß. Man merkt sofort, dass der Mann einen Plan hat. Diese Woche hat richtig Spaß gemacht.“

    Der Bayreuther sieht für sich auch wieder eine Perspektive: „Sicher hatte meine Rolle in diesen Spielen viel damit zu tun, dass Steffen Weinhold und Fabian Wiede gefehlt haben. Aber der Trainer hat so eine Liste für jede Position, und da sehe ich mich im rechten Rückraum schon an dritter Stelle.“ Nicht zuletzt das Bekenntnis des neuen Bundestrainers zu seiner Vorliebe für gute Abwehrspieler („Wer mich kennt, der weiß, dass mir eine starke Abwehr wichtig ist.“) wertet er als Indiz dafür, auch als 30-Jähriger im verjüngten und erstmals überhaupt ohne einen Weltmeister von 2007 angetretenen Nationalteam noch einen Platz finden zu können: „Wenn der Trainer eine härtere Abwehr stellen will und davon ausgeht, dass ich dabei eine Rolle spielen kann, dann bin ich sehr gerne dabei.“ Das zweite Spiel und insbesondere die überragende Leistung des Schweizer Spielmachers Andy Schmid von den Rhein-Neckar Löwen habe die Defizite schon erkennen lassen: „Wir haben ihn oft zu einfach gewähren lassen. Da muss man häufiger mal aus der Deckung heraustreten und nicht immer nur versuchen, zu blocken.“

    Überhaupt bewertet Michael Müller die beiden Spiele als passenden Test dafür, die aktuellen Möglichkeiten, aber auch die Probleme der DHB-Auswahl aufzuzeigen: „Am Anfang war das richtig gut, aber am zweiten Tag war alles holprig.“ Es könne an der Einstellung gelegen haben, vor allem aber am Ausfall des stark gestarteten Spielmachers Tim Kneule (Göppingen): „Da hat es dann an Durchschlagskraft in der Mitte gefehlt. „Junge Leute wie Paul Drux oder Julius Kühn mussten dann schon viel Verantwortung im Rückraum tragen.“ Als Entschuldigung könne das aber nicht gelten: „Wir sind ja nun mal alle Nationalspieler. Und wenn man trotz allem mit drei Toren führt, sollte man dann auch in der Lage sein, das nach Hause zu bringen.“

    Müller selbst hätte den Schweizer Ausgleich in letzter Sekunde beinahe verhindert, doch er konnte den Wurf von Schmid nicht abblocken, sondern nur unglücklich abfälschen: „Das war Pech, aber noch schlimmer war, dass wir zehn Sekunden vorher den Ball einfach weggeworfen haben.“ Was er dabei nicht sagt: Der grobe Fehlpass war keinem der jungen Spieler unterlaufen, sondern ausgerechnet Kapitän Uwe Gensheimer.


    Philipp Müller wertet Berufung als großen Erfolg:
    „Guten Job gemacht“

    30 Jahre und ein Tag – auch DHB-Pressesprecher Tim Oliver Kalle muss passen bei der Frage, wann zuletzt ein Debütant in der Nationalmannschaft älter gewesen ist als Philipp Müller: „Ich fürchte, das erfordert eine sehr aufwendige Recherche.“ Gerade wegen dieser Besonderheit ist der „Jung-Nationalspieler“ mit seinem Einstand rundum zufrieden: „Ich sehe es als großen Erfolg, überhaupt dabei gewesen zu sein. Ich denke, ich habe auch nicht ganz unterirdisch gespielt, sondern meine Leistung gebracht. Sicher geht das immer noch besser, aber ich bin stolz darauf, wie es für das erste Mal gelaufen ist.“ Darin habe ihn auch der Bundestrainer bestärkt: „Ich habe mich am Ende bei ihm für diese Chance bedankt, und er hat gesagt, ich hätte einen guten Job gemacht.“

    Mit den Nerven habe er als Neuling keine großen Probleme gehabt: „Natürlich ist es etwas Besonderes, die Nationalhymne mitzusingen – da macht es auch keinen Unterschied, ob man 20, 30 oder 150 Jahre alt ist. Aber im Spiel war das schnell weg. Man muss ja bedenken, dass man in der Bundesliga Woche für Woche meist stärkere Gegner hat als die Schweizer Nationalmannschaft.“

    Mit einer stattlichen Einsatzzeit für den Bayreuther von mehr als einer halben Stunde in jedem Spiel hatte der Bundestrainer seine Ankündigung wahr gemacht, keine Spielminuten aus reiner Höflichkeit zu verteilen: „Ich habe niemanden eingeladen, nur um mal reinzuschnuppern.“ Daher hat Philipp Müller auch kein Problem damit, dass er fast ausschließlich in der Abwehr mitwirken durfte: „Das hatte sich schon in der Trainingswoche abgezeichnet. Wenn der Bundestrainer sagt, dass ich der Mannschaft in der Abwehr helfen kann, ist das auch in Ordnung.“

    Dabei kam es dem Debütanten nicht gerade entgegen, dass er im häufigen Spezialistenwechsel mit seinem Bruder Michael oft auf der ungewohnten rechten Seite stand und Sigurdsson zudem über weite Strecken eine 5:1-Deckung meist mit dem groß gewachsenen Kreisspieler Hendrik Pekeler (Lemgo) in vorgezogener Position spielen ließ: „In Melsungen spielen wir zu 90 Prozent eine 6:0-Abwehr“, sagt Müller. „Und ich fühle mich schon wohler im Mittelblock.“ Er geht aber davon aus, dass der Bundestrainer das auch im Nationalteam bisher relativ selten gespielte Abwehrsystem bewusst unter Schwierigkeiten testen wollte: „Man hätte das sicher defensiver lösen können. Aber wir haben es auch schlecht gemacht und standen zu oft mit zwei gegen drei Spieler auf einer Seite.“

    Dass ihm bei den wenigen Ballkontakten das erste Länderspieltor versagt geblieben ist, kann die Bilanz von Philipp Müller nicht trüben. Deswegen sei es auch nicht mit seinem Bruder abgesprochen gewesen, dass im zweiten gemeinsamen Angriff gleich ein Kempa-Pass gespielt wurde: „Da ist dem Angriff insgesamt nicht viel einfallen. Und ich halte einen Kempa-Trick immer noch für eines der leichteren Mittel, ein Tor zu erzielen.“

    Von Eberhard Spaeth
    Nordbayerischer Kurier vom Dienstag, 23. September 2014