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    Kaum andere Themen als das Virus

    26.11.2020

    Als Sportkoordinator hat Philipp Müller in Leipzig angefangen, jetzt ist er vor allem Corona-Sachbearbeiter

    Von Eberhard Spaeth

    Der Bayreuther ist jetzt ein Wahl-Leipziger: Nachdem in diesem Frühjahr mit dem Abbruch der Bundesligasaison die 14 Jahre lange Profi-Laufbahn von Philipp Müller zu Ende gegangen ist, hat bei seinem letzten Klub gleich seine zweite Karriere begonnen. Beim traditionsreichen SC DHfK Leipzig, dessen etwas sperriger Name noch an die „Deutsche Hochschule für Körperkultur“ der ehemaligen DDR erinnert, übernahm der im „Alter“ zunehmend als Abwehrspezialist geschätzte Rückraumspieler das Amt des Sportkoordinators.

    „Ich sehe mich als Bindeglied zwischen dem Management und den Spielern“, beschreibt Müller diesen neu geschaffenen Posten. „Ich kümmere mich um alle Belange der Spieler wie etwa die Ausstattung mit Klamotten, den Ablauf von Auswärtsfahrten oder die Organisation von Trainingslagern.“ Auch in die Kaderplanung sei er eingebunden: „Ich spreche mit den Spielern, die da sind, aber auch mit solchen, die als Neuzugänge in Frage kommen können.“ Das alles macht dem 36-Jährigen „sehr viel Spaß“ – ist gegenwärtig allerdings oft nur graue Theorie.

    Aktuell gibt es für den Sportkoordinator nämlich kaum andere Themen als die Pandemie. „Derzeit befasse ich mich bevorzugt mit Corona“, berichtet Müller aus dem Homeoffice. „Dafür kam ich zum passenden Zeitpunkt – ich war halt gerade da.“ Die für alle Beteiligten neue Aufgabe sei zwar „nicht ganz so spaßig“, dafür aber lehrreich: „Wäre es nicht so nervig, könnte man es interessant nennen.“

    Somit hat Müller ganz unmittelbar alle Phasen der Virus-Krise miterlebt, von denen die Sachsen stets intensiv betroffen waren – positiv wie negativ: Zunächst waren sie die Hoffnungsträger der ganzen Liga mit einem Hygienekonzept, das fast 2000 Zuschauer bei den Heimspielen ermöglichte. Dafür waren im viel beachteten Projekt „Restart-19“ die Erkenntnisse der Universitätsmedizin Halle (Saale) aus wissenschaftlich begleiteten Konzerten des Sängers Tim Bendzko in der Arena ausgewertet worden. „Zudem wurde bei uns mit großem Aufwand genau erfasst, wer wann mit wem in Kontakt war“, erklärt Müller. „Dafür gab es sogar Videos vom Training. Alles war sehr transparent.“ Das konnte die Mannschaft vor wenigen Wochen jedoch nicht vor neun Infektionsfällen schützen, die zu Quarantäne, Spielabsagen und zuletzt zum ersten Geister-Heimspiel der Vereinsgeschichte zwangen.

    „Dass wir als ursprüngliche Vorreiter nun besonders hart getroffen wurden, ist schon bitter“, sagt Müller. „Aber wenn man ehrlich ist: Die Frage war nicht, ob man betroffen sein würde, sondern nur wann.“ Die umfangreiche Vorleistung sei trotzdem nicht umsonst gewesen: „Es war wertvoll, dass sich unser Geschäftsführer Karsten Günther sehr früh mit dem Problem befasst hatte. Dieser Arbeit war es zu verdanken, dass nach den Infektionsfällen nicht die ganze Mannschaft dauerhaft in die Isolation musste, sondern nur die betroffenen Spieler.“

    Mehrfach als Spieler im Bundesliga-Aufgebot

    Zusammen mit ein paar Verletzungen zu Saisonbeginn trugen die Covid-19-Fälle dazu bei, dass Phi-lipp Müller sogar noch meistens zum Bundesliga-Aufgebot von Trainer Andre Haber gehörte. „In weiser Voraussicht habe ich mit einem Nachbarn einen Fitnessraum im Keller eingerichtet“, sagt der Bayreuther schmunzelnd. Eine Rolle als „Stand-by-Profi“ war ohnehin vorgesehen, aber in der Quarantäne-Phase stand er sogar täglich in der Halle: „Nach einem halben Jahr ohne Leistungssport tun die Knochen da schon etwas mehr weh, als man es gewohnt war.“ Auch deswegen trug der Teamsenior das Trikot bislang nur auf der Bank und nicht auf dem Feld: „Ich will nur für den Notfall bereit sein.“


    Nordbayerischer Kurier vom Donnerstag, 26. November 2020, Seite 23

    Julius Meyer-Siebert: Vom Virus verschont, aber trotzdem geschockt

    Wie sich die Umstände der Pandemie auf die Spieler auswirken, bekommt in Leipzig ebenfalls ein Bayreuther aus erster Hand mit: Julius Meyer-Siebert gehört seit dieser Saison zum Profikader des SC DHfK – und dabei hat der 20-Jährige sogar noch mehr vor: „In diesem Semester habe ich angefangen Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Ich versuche möglichst viel zu schaffen, auch wenn das alles nicht immer ganz leicht zu vereinbaren ist.“

    Der 2,06 m große Rückraumspieler erlebte das erste Geister-Heimspiel der Vereinsgeschichte (32:32 gegen Lemgo) nur als Zuschauer, weil er verletzungsbedingt noch nicht mitwirken konnte: „Insgesamt war es schon eine etwas bedrückende Stimmung in einer so großen Halle ohne Zuschauer. Wir haben diese Situation aber auch bewusst trainiert und uns darauf eingestellt. Im Endeffekt sind wir froh, überhaupt wieder ein Spiel absolviert zu haben.“ Zuvor hatten sich die Sachsen nämlich ganze drei Wochen gedulden müssen. Nachdem zunächst Trainer André Haber positiv auf Covid-19 getestet worden war, ergaben die routinemäßigen Testungen nach dem Gastspiel in Stuttgart am 29. Oktober gleich noch weitere neun positive Ergebnisse. „Es war schon ein Schock, als unser Trainer infiziert war“, sagt Meyer-Siebert. „Eigentlich waren wir schon zur Abfahrt bereit, als wir davon erfuhren. In enger Absprache mit dem Gesundheitsamt wurde dann festgelegt, dass wir erst einen Tag später reisen dürfen, also am Spieltag direkt. Das waren sicherlich keine optimalen Voraussetzungen.“Der ganz große Knall folgte dann aber eben erst nach der 24:30-Niederlage in Stuttgart. „Ich blieb zum Glück verschont vom Virus. Wenn sich aber gleich neun Mitspieler infiziert haben, gibt einem das schon auch persönlich ein ungutes Gefühl. Man bekommt dann sehr direkt mit, wie gefährlich dieses Virus sein kann. Das ganze Team musste erst mal in Quarantäne“, berichtet der Bayreuther.

    Mancher Spieler sei immer noch nicht wieder ins Training eingestiegen, weil die Folgen der Infektion noch zu spüren sind. Meyer-Siebert selbst, der nach einem Anfang der Woche bestandenen Belastungstest heute in Balingen erstmals nach seiner Verletzungspause wieder dabei sein kann, durfte aufgrund mehrerer negativer Testergebnisse bereits nach wenigen Tagen seine Wohnung wieder verlassen: „Ich war in den letzten Wochen damit beschäftigt, meine Verletzung auszukurieren, und konnte dann leider nicht in der gewünschten Form meinem Reha-Programm nachkommen. Zum Glück beschränkte sich die Quarantäne bei mir auf wenige Tage.“

    Trotz aller Widerstände ist der Wahl-Leipziger überzeugt, dass alle zusammen die Herausforderungen als großes Team meistern werden: „Es wird im Verein alles getan, um das Risiko zu minimieren und die Gesundheit aller Beteiligten sicherzustellen. Bei aller Kritik muss man auch daran denken, wie viele Arbeitsplätze da dranhängen. Wir sehen uns mit dem bestehenden Hygienekonzept weiterhin gut aufgestellt.“

    Diese Sichtweise teilt auch der Geschäftsführer des SC DHfK, Karsten Günther. Er beruft sich dabei auch auf die Ergebnisse der in Leipzig erarbeiteten Studie „Restart-19“. Auf die Forderung des SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach, Hallensportarten komplett auszusetzen, reagierte Günther selbstbewusst: „Ich lade Herrn Lauterbach gerne zu uns ein, um sich unsere Arbeit anzusehen und mit ihm die Ergebnisse der Studie Restart-19 zu besprechen.“ ds


    Nordbayerischer Kurier vom Donnerstag, 26. November 2020, Seite 23